Die Kunstform „Wabori“ – und was mein Tattoo damit zu tun hat

Letzte Woche habe ich mir ein weiteres und lang ersehntes Tattoo-Motiv stechen lassen, das mich schon seit Jahren begleitet und sich nun als kunstvoller Schmuck auf meiner Haut befindet: Wir reden von dem Bild „Springendes Mädchen mit Schirm“ von Harunobu Suzuki. (Der Originaltitel ist eigentlich noch ein bisschen länger: „Young Woman Jumping from the Kiyomizu Temple Balcony with an Umbrella as a Parachute“ – da braucht man einen langen Atem!) Und in diesem Zusammenhang gebe ich euch heute einen kleinen Einblick in Wabori – die Kunst der japanischen Tätowierungen, eine Körperkunstform, die mich seit Jahren interessiert und erzähle euch ein bisschen was zum Bild des „Springenden Mädchens“.

Originalkunstwerk & Re-Design, zwei Tage nach dem Stechen noch etwas gerötet

Warum dieses Motiv?

Ich liebe Ukiyo-e seit vielen Jahren, und dieses Bild gehört zu denen, die sich bei mir immer wieder mal im Kopf melden. Es ist eines dieser Bilder, die schlicht sind, aber im Kopf bleiben – kurz gesagt: es ist einfach eines meiner Lieblingsbilder.

Kurz zur Hintergrundgeschichte des Bildes: Es steht symbolisch für die japanische Redewendung: „Vom Kiyomizu-Tempel-Balkon springen“, was soviel bedeutet wie „sich etwas trauen, etwas wagen“. Das bezieht sich nämlich auf eine mittlerweile verbotene Praxis, von dem 13 Meter hohen Balkon des Tempels zu springen, um sich einen Wunsch erfüllen zu lassen… wenn man überlebt. Die Überlebensrate lag wohl um die 80 – 85 % … man sollte also einen stabilen Schirm mitbringen und wohl lieber nicht allzuviel wiegen 🙂

Das Bild ist übrigens auch kein „klassisches Gemälde“ zur reinen Deko: es ist ein sogenanntes Egoyomi-Kalenderblatt. Egoyomi („Bilder-Kalender“) entstanden besonders zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, als private Kalender verboten oder streng reguliert waren. Statt klarer Zahlen findet man z. B. Blätter, deren Anzahl dem Monat entspricht, Muster mit einer bestimmten Wiederholung, oder Tierkreiszeichen, die im Motiv versteckt sind. Im Bild des springenden Mädchens sind für Eingeweihte die Hinweise auf auf die langen (30 Tage) und kurzen Monate (29 Tage) des Jahres 1764 in den Muschel-Verzierungen des Gewandes versteckt.

Wieso ich es so gern tragen wollte? Weil mir die Leichtigkeit des Mädchens und der Szene imponiert. Sie wirkt nicht zögerlich, sie hat ein ganz leichtes Lächeln auf den Lippen. Ihre Pose ist dynamisch, sie wirft sich mit einem großen Selbstvertrauen förmlich in die Situation und vertraut dabei dem Halt ihres Schirmes – diese Dynamik, dieses „Hals über Kopf“ und „Einfach mutig drauf los!“, das passt zu mir – da mein Name nämlich „Die Tapfere“ bedeutet. Außerdem finde ich den Schwung und die Form ihres Kimonos wunderschön. Es ist ein sehr harmonisches Bild, das ich mir immer wieder gern ansehe.

Und was ist nun dieses Wabori?

Wenn man nun über japanisch inspirierte Tattoos spricht, stolpert man unweigerlich über den Begriff Wabori. Viele kennen Irezumi als Oberbegriff für japanische Tätowierungen, aber Wabori ist in seinen Motiven etwas spezifischer – und genau die Richtung, in die mein Tattoo fällt.

  • Wabori bezeichnet die japanisch geprägte Art des Tätowierens, die sich an klassischen Motiven, Kompositionen und Bildästhetiken orientiert.
  • Im Unterschied zu westlichen Tattoos legt Wabori viel Wert auf Fluss, Erzählung und Rahmung des Körpers. Ein Motiv soll sich bewegen, nicht nur „aufgesetzt“ wirken, es muss zur Körperform passen und diesem fließend folgen. Bei meinem Tattoo-Design sieht man das beispielsweise sehr schön an den Linien des Kimonos: sie folgen der Kurve des Arms und passen sich an der „Ecke“ Ellenbogen zu Unterarm an.
  • Traditionell stammen viele Elemente auch aus dem Ukiyo-e – also genau jener Kunstform, die ich so liebe: fließende Linien, klare Formen, dynamische Gesten.
  • So gut wie nie werden Motive „freistehend“ platziert: Windbewegungen, Wellen, Nebel oder Wolken verbinden Körperbereiche miteinander und machen das Gesamtmotiv „rund“. Bei mir sind diese jedoch momentan noch nicht vorhanden – ich halte euch auf dem Laufenden :-).
  • Wabori übersetzt diese Bildwelt auf die menschliche Haut, nicht detailverliebt im Sinne von Fotorealismus, sondern harmonisch und erzählerisch und oft farbig gestaltet.
  • Traditionelle Motive sind z.B. Tiere wie z.B. Koi-Karpfen und Tiger, Hintergrundmotive wie Wolken oder Wellen, mythologische Motive wie Drachen und Foo-Hunde, Blumenmotive wie Päonien und Chrysanthemen (Kiku) und viele mehr. Kiku stehen beispielsweise dem Volksglauben nach für ein langes Leben.

Ganz traditionelle japanische Tattoos werden auch nicht mit der Tätowiermaschine gestochen: Die klassische Tätowierkunst namens Tebori verwendet einen Tebori-Stab (meist aus Bambus), an dem ein Nadelbündel angebracht ist. Die Farbe wird durch einen kleinen Schwamm aufgenommen, in welchen das Nadelbündel getaucht und mit Farbe benetzt wird. Die Tusche wird dann manuell in die Haut gestochen, was viel Übung und Präzision erfordert, dem Tätowierer aber durch die Möglichkeit der Variation in der Tiefe des Stiches Tätowierungen mit großer Präzision und Kontrolle ermöglicht.

Tätowierkünstler, die diese Technik ausüben, nennt man Horishi. Die Vorsilbe Hori bedeutet übersetzt so viel wie graben oder einsetzen – passend zur Tätowiertechnik.

Etwa vom 6. Jahrhundert bis zur Edo-Periode (ca. 16. bis Mitte 19.Jahrhundert) wurden Tätowierungen in Japan jedoch nicht als persönliche Deko oder zu religiösen Zwecken genutzt, sondern dienten fast ausschließlich dazu, Verbrecher zu markieren. Je nach Strafe wurden die Tätowierungen an unterschiedlichen Körperstellen eingesetzt – Mörder zum Beispiel wurden am Kopf tätowiert, Diebe mit Streifen am Arm gekennzeichnet. Ab der Edo-Periode wandelte sich jedoch das Tätowieren wieder dekorativen Zwecken zu und wurde zur Kunst. Für Feuerwehrleute hatten sie sogar eine besondere, spirituelle Komponente: ihnen dienten Tätowierungen als spiritueller Schutz.

Vom Originalmotiv zum Tattoo

Ich habe mein Motiv, wie ihr seht, nicht 1:1 tätowieren lassen – das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Stattdessen wurde es von Alex von Golden Fudo (www.goldenfudo.com) in einem wunderbaren Design neu interpretiert und neu erschaffen – als Tattoo-Design, das die Dynamik und Leichtigkeit des Originals bewahrt, aber in eine moderne Körperkunstsprache übersetzt und mit den Kiku und den Mustern des Kimonos den Regeln der japanischen Tradition folgt, in der jede Blume, Muster und Symbol seine Jahreszeit hat. Aber das ist ein Thema für einen anderen Eintrag 😉 und ich finde, Alex ist ein echter Meister dieses Tattoo-Kunststils. Schaut euch unbedingt seine Galerie an!

Was aus dem Originalmotiv geworden ist, fühlt sich für mich wie eine Hommage an Harunobus großartiges Kalenderbild an, aber auch wie etwas ganz Eigenes, nur für mich Entworfenes, etwas Einzigartiges – was es ja auch ist. Und ja: Ich bin stolz, dieses Design zu tragen. Es ist groß, mutig und trotzdem voller Anmut – so wie das Bild, das als seine Vorlage diente. Ich zeige euch das fertige Tattoo nächstes Jahr!

Eure Andrea

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