Ist das dieses Kunst, von dem sie alle reden?

Willkommen, 2026! Im Rahmen meiner jährlichen Rückschau jeweils Ende eines Jahres hat sich beim Sichten meines Skizzenbuches seit langem mal wieder eine Frage gestellt. Eine Frage, die wohl jeder (Hobby)Künstler schon einmal gehört und mehr oder weniger angenehm empfunden hat; sie ist eher selten wirklich neugierig und trägt auch fast immer eine kleine (Ab)Wertung in sich: „Ist das Kunst?“

Schon mal gehört? Meist fällt sie auch gar nicht mal im Museum, sondern eher beiläufig, unter einem Instagram-Post oder vor einem Foto, das jemand „nur so“ gemacht hat und zeigt, weil das Foto demjenigen sehr gut gefällt und er es als „künstlerisch“ empfindet. Ich habe sie auch schon mal von jemandem beim Durchblättern meines Skizzenbuchs gehört, als ich noch rein im Manga-Stil gezeichnet habe. Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber diese Frage löst etwas in mir aus: Das Gefühl, mich für mein Hobby und meine Kunst rechtfertigen zu müssen.

Aber muss man überhaupt erklären, warum man malt, zeichnet oder fotografiert, wenn man damit weder Geld verdient noch einen Titel vor dem Namen trägt? Darf es nicht auch einfach nur ein schöner Zeitvertreib sein, etwas, was ich in Mußestunden mache? Einfach ein bisschen vor mich hin kritzeln, probieren, Spaß haben. Meine Gedanken möchte ich dazu hier mit euch teilen.

Der Begriff Kunst wird gern als etwas definiert, das erst dann existiert, wenn es offiziell wird: wenn jemand dafür studiert hat, wenn es ausgestellt wird, wenn ein Preis daran hängt oder zumindest irgendwo in einer Zeitung oder online erwähnt wird. Alles andere landet schnell in der Schublade „Hobby“. Das ist ein Wort, das zwar harmlos klingt, aber zu oft bedeutet: „Es ist nett, aber nicht wichtig.“ Ich habe es jahrzehntelang ebenso empfunden und vermittelt bekommen: „Ist nett, was du machst – aber Geld verdienen kannst du damit nicht.“ Aber bedeutet das denn, das mein Gestrichel automatisch keinen Wert hat, nur weil ich damit kein Geld verdienen kann oder will?

Kunst in seiner Urform war nie zuerst ein Beruf oder etwas, bei dem man sich beweisen muss. Sie begann (also, das sind jetzt meine Gedanken, gell) wohl eher als Impuls: Ein Bedürfnis, etwas zu erschaffen und festzuhalten. Menschen haben gemalt und geschaffen, lange bevor sie wussten, dass man eines Tages davon leben kann und noch viel länger, bevor es das Internet zum Herumzeigen überhaupt gab. Sie haben gemalt, geformt und Material bearbeitet auf Höhlenwänden, mit Stein, Metall und Holz, Jahrhunderte und Jahrtausende später auf Leinwänden, mit Papier und Stoffen, mit Gips und Marmor. Der Unterschied: es ging anfangs nicht darum, Kunst zu erschaffen, sondern etwas zu tun, das Sinn ergab. Schaut man sich beispielsweise Höhlenmalerei an, ging es bei diesen Kunstwerken vermutlich auch um eine gewisse Spiritualität und Kommunikation mit anderen. Vielleicht haben sie aber auch einfach an Höhlenwände gemalt, weil es schön ausgesehen hat und Spaß beim Erschaffen machte – wer weiß das schon. 🙂

Später dann, als man beispielsweise auf Leinwände malte, ging es auch nicht unbedingt darum, sich jetzt eine schöne Deko in den Raum zu hängen – beispielsweise die Portraitmalerei diente unter anderem dazu, sich an Personen zu erinnern oder diese zu zeigen, als es noch keine Fotografie gab. Da ging es nicht um „Hey, die Frau da sieht schön aus, die häng ich mir über den Kamin“ – sondern die Malerei hatte eine ganz andere Bedeutung, beispielsweise in der Heiratspolitik der Adelshäuser. Immerhin wollte man schon wissen, wie der oder die Zukünftige aussah :-). Es musste also nicht schön aussehen, im Gegenteil – in dem Moment war eine realistische Darstellung sogar wichtig. Und das wurde nicht als „Kunst“ im Sinne von Schönheit und Dekoration verstanden, sondern hatte einen wichtigen Zweck.

Was bedeutet also „Kunst als Hobby“? Es bedeutet, etwas ohne äußeren Druck zu machen (außer, ihr seid wie ich und lasst euch zu sehr von anderen beeinflussen…), etwas erschaffen, was einem einfach so eingefallen ist oder was man in sich trägt und ausdrücken möchte. Ohne Auftrag oder Käufer, sondern einfach für sich selbst und man ist frei, damit zu tun, was man möchte. Das Endresultat darf dann gern „nach draußen“ – aber es ist halt auch nicht schlimm, wenn es im geschützten Bereich des eigenen Zuhause bleibt. Hobbykunst darf unperfekt sein, jahrelang unfertig bleiben oder in einer Schublade verschimmeln, sich verändern, wieder verschwinden (Papierkorb…), einfach Spaß machen und vor allem: sie muss niemandem gefallen und nichts beweisen. Und das mag nicht professionell klingen, aber das muss es auch nicht. Ich hab Kunst auch nicht studiert :-).

Natürlich taucht auch im Hobbybereich zwangsläufig auch die Frage nach Können auf: Nach Technik und Qualität, wie gut man Pinsel, Tuschefeder und Co. beherrscht, also nach all dem, was man angeblich beherrschen muss, bevor man überhaupt das Wort „Kunst“ in den Mund nehmen darf. Aber muss es denn von Anfang an perfekt sein? Natürlich ist es cool, wenn man meisterhaft mit einem Pinsel umgehen kann, aber es ist eben auch kein Eintrittsausweis. Ein Bild wird nicht dadurch bedeutungsvoll, dass es korrekt und realitätsgetreu ist und ein Foto nicht dadurch, dass es perfekt ausgeleuchtet wurde. Oft sind es gerade die kleinen Unperfektheiten, die ein Bild erst interessant machen. Kunst entsteht also nicht dort, wo alles perfekt ist, sondern dort, wo etwas gemeint ist.

Jetzt bin ich ja auch so ein „Kunst-Perfektionist“, der sich sehr schwer tut mit dem Unperfekten. Also habe ich mir vorgenommen (und das wird wohl einer der am schwersten zu haltenden Vorsätze sein….) und zwar: Kunst und mein künstlerisches Schaffen weniger als Status und mehr als Beziehung zu begreifen, eben als etwas, das erst in meinem Kopf und dann zwischen mir und dem Material entsteht, auf das ich mich einlassen muss. Vielleicht auch kleine Fehler oder Unperfektheiten nicht verdammen, in meinen Augen „Falsches“ nicht gleich dem Papierkorb zu überlassen. Mein Herz schlägt für Perfektionismus und Schönheit, aber manchmal ist das auch gar nicht so gut, wenn alles zu perfekt ist. Es bleibt ein Hobby, klar – aber es ist und bleibt auch Kunst.

Wann ist Hobbykunst also „echte“ Kunst? Das kann ich euch nicht beantworten. Wichtig finde ich: es hängt weniger von äußeren Kriterien (Perfektion, Technik usw.) ab, als von der Frage, ob sie etwas ausdrückt. Ob sie das Gegenüber zum Nachdenken bringt, zum Staunen, zum Hingucken, zum Nachmachen, zum Wegsehen oder was auch immer – ob sie eben etwas bewirkt. Und als letzten Gedanken, den ich vielleicht den wichtigsten finde: vielleicht sollten wir uns angesichts eines Kunstwerkes nicht fragen, ob es Kunst ist oder wertvoll, sondern warum wir so dringend eine Schublade dafür brauchen, bevor wir es als „Kunst“ und wertvoll für uns einordnen.

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