Pinselheinrich, Vater Zille – Der Chronist der kleinen Leute

Bin ich beim letzten Mal mit einem Kinderbuch eingestiegen und habe euch daraufhin einen Künstler vorgestellt – und wiederhole ich das mit meinem aktuellen Beitrag? Vielleicht. 🙂

Ihr seht es schon am Cover: Heute geht es um einen Künstler, auf den ich mit 13 Jahren durch das Buch „Ab morgen werd ich Künstler“ von der Autorin Brigitte Birnbaum gestoßen bin. Es gehört zu den Büchern, die ich als junger Teenager sehr gemocht und als Erwachsene sogar antiquarisch nachgekauft habe und immer wieder gern zur Hand nehme.

Aber ich möchte ja heute nicht über das Buch sprechen, sondern über seine Hauptperson, womit nun das Geheimnis gelüftet ist, um wen es in meinem heutigen Beitrag geht: Nämlich um den Künstler Heinrich Zille (1858 – 1929) – in seinen Schaffensjahren auch „Pinselheinrich“ oder „Vater Zille“ genannt. Als Teenager war das Buch für mich einfach eine Geschichte über jemanden der zeichnet, gespickt mit reichlich ulkig anmutenden Werken des Künstlers. Später erst, als ich mich aus historischem Interesse mit dem Leben um 1900 befasste, habe ich gemerkt: Die Zeichnungen waren nicht ulkig – es steckte viel mehr dahinter als Wortwitz auf Berlinerisch und irgendwie überzeichnet komische Gestalten. Doch fangen wir mal ganz vorne an.

Der Mensch Heinrich Zille war Zeichner, Karikaturist und Fotograf und in seinem Schaffen sehr vielseitig. Neben den Werken, für die er heute wohl am meisten bekannt ist und die ich euch heute näherbringen will, schuf er auch Fotografien, Landschaften, Porträtzeichnungen, satirische Beiträge in Zeitschriften und Witzblättern und vieles mehr. Ich will mich jedoch in meinem Beitrag auf den Teil seiner Kunst beschränken, mit dem er berühmt geworden ist: Zille und seine „Milljöh“-Zeichnungen im Berlin der 1900er-Jahre.

Heinrich Zille und das alte Berlin, genauer gesagt das alte Berlin mit den Hinterhöfen, Mietskasernen und dem Leben der sogenannten „kleinen Leute“ um die Jahrhundertwende bis zum und nach dem 1. Weltkrieg – die zwei gehören untrennbar zusammen. Was ihn bis heute bekannt macht war nämlich nicht allein sein zeichnerisches Können, sondern vor allem auch sein Blick auf dieses alte Berlin und seine „Milljöh“-Bewohner: direkt, ungeschönt, manchmal spöttisch-beißend und gleichzeitig voller Menschlichkeit. Das „Milljöh“ (Milieu), das wahre Leben der Menschen in den Berliner Mietskasernen und Hinterhöfen, auf den Straßen, in den Kneipen und Bordellen, Ehestreit, Alkoholismus, Prostitution, Kinderarbeit und Armutskrankheiten: „Eine Wirklichkeit, die es bis dato in dieser Klarheit und Härte in der Berliner Kunst nicht gab“, schreibt Matthias Flügge in dem Buch „H. Zille – Berliner Leben“. Hier liegt auch die Erklärung für die meist krummbeinigen, gebeugt gehenden und irgendwie verzogenen Menschengestalten seiner Bilder aus dem „Milljöh“: Rachitis, Schwindsucht & Co. befielen bereits die Jüngsten.

Dieses Leben, aber auch ganz alltägliche Straßenszenen und Personen (auch private Portraits, Aktstudien und mehr, die es übrigens nie an die große Öffentlichkeit geschafft haben), hielt er meist in schnellen, präzisen Linien fest, setzte Farbe zumeist sparsam ein und erzählte in schnellen Strichen eine Geschichte. Im in der Einleitung genannten Buch gibt es dazu übrigens eine Szene, in der die Autorin ihn denken lässt „Vor der Arbeit muss Zille ein Bildchen für sich gezeichnet haben, eines, das ihm Spaß macht.“ Das Papier dafür kann alles mögliche sein, in dieser Szene ist es ein Kalenderzettelchen.

Zilles Zeichnungen wirken sowieso meist spontan, fast skizzenhaft, doch genau darin liegt ihre Stärke: in wenigen Strichen entsteht eine Szene, eine Figur, eine Beobachtung. Sie sind nah dran am Leben, ohne künstliche Distanz und trotz der sparsamen Striche wirken sie nicht leblos, sondern haben Bewegung – diese Leichtigkeit finde ich immer wieder beeindruckend, denn die ist kaum zu lernen. Hier ein paar Beispiele, in denen man das gut sieht. Die Zeichnungen wirken nicht starr, sondern fangen einen Moment ein, trotz das sie so skizzenhaft erscheinen.

(Alle Bilder aus „Heinrich Zille“, Berlin Information, 4. unveränderte Auflage, Buch in meinem Privatbesitz)

Ein sehr zentrales Merkmal seiner Kunst ist auch ein sehr feine Balanceakt zwischen Humor und Tragik. Viele seiner Figuren sagen derb-witzige Dinge und haben eine „Berliner Schnauze“ (soll heißen, Berliner Dialekt). Als Beispiel: „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken …“, lässt Zille ein schwindsüchtiges Mädchen gegenüber anderen Kindern sagen.

Gleichzeitig steckt hinter diesen bös-witzig-karikaturistischen Momenten aber eben die damalige bittere soziale Realität der Arbeiter, der Armen und der Unterschicht im Allgemeinen: Kinder, die in Armut aufwachsen, Familien, die auf engstem Raum leben, Menschen, die mit wenig auskommen müssen, Galgenhumor unter Arbeitern und Prostituierten und auch tragische Szenen, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht erkennt, worum es geht. Man hat Zille vorgeworfen, dass er diese Menschen sichtbar macht, er könne doch so viel mehr, er könne ein großer Künstler sein – meiner Meinung nach ist er das auch geworden – aber gerade dass er mit seinen Bildern anklagte und sichtbar machte (und sich damit nicht nur Freunde gemacht hat), zeigt, dass es wichtig ist, mit Kunst auch mal unbequeme Wahrheiten und Sichtweisen zu zeigen. Eine Ausstellung wurde einmal von einem Offizier erbost mit dem klassischen Satz: „Der Kerl nimmt einem ja die ganze Lebensfreude!“ kommentiert – was soll man dazu sagen?

Es gibt ein Bild (es existiert in mehreren Versionen, aber der Grundaufbau ist nahezu derselbe – ich lege mich hier auf das abgebildete fest), das sich auch im Buch wiederfindet und mich immer wieder beschäftigt, wenn ich es sehe:

Was stellt es dar? Sein Titel „Ins Wasser – Mutter, ist’s ooch nich kalt?“ ist ohne Blick aufs Bild erst einmal recht unverfänglich – aber beim Hinsehen muss man schlucken. Man sieht eine Mutter, die ein kleines Kind an der Hand hält, am Rand eines Gewässers energisch einen Hang hinab steigen. Das Kind stellt (im hier nicht abgebildeten Untertitel) die einfache, fast beiläufige Frage: „Mutter, is’s och nich kalt?“. Die Mutter antwortet „Sei ruhig – die Fische leben immer drin!“ Und das ist so eine Szene, die zum Nachdenken anregt – dem Kind ist nicht bewusst, dass die Mutter sich, ihr Töchterchen, das Kind auf dem Arm und das im Bauch in den Tod treibt. Sie sieht ärmlich aus, eine Arbeiterfrau – was mag ihr widerfahren sein, dass sie diesen furchtbaren Schritt wählt? Das Bild ist eines der Bilder, an denen ich die ausdrucksstarke Kunst Zilles zu schätzen gelernt habe und eines, das die damalige soziale Not einer Frau sehr eindringlich zeigt.

Ein weiteres, das erst auf den zweiten Blick seine Tragik offenbart und im Zeitraum des 1. Weltkrieges entstanden ist: „Das eiserne Kreuz.“

Auf den ersten Blick eine fünfköpfige Familie in einer kleinen, ärmlichen Wohnung. Auf den zweiten Blick der Brief, das eiserne Kreuz und das Wissen um den gefallenen Vater. Eine Familie, der Armut droht. Und auch hier: Eigentlich eine simple Zeichnung, die Figuren eher Karikaturen als wirklich lebensecht, aber die Tragik dahinter ist eindeutig erkennbar. Auch ein starkes Bild, das nachdenklich macht und sicherlich damals auf harte Kritik gestoßen ist, prangert es doch den „ehrenvollen Heldentod“ unverhohlen an.

(„Heinrich Zille“, Berlin Information, 4. unveränderte Auflage, Privatbesitz)

Bis heute gilt Zille als einer der wichtigsten Chronisten des Berliner Alltags um 1900. Seine Werke sind nicht nur künstlerisch interessant, sondern auch historisch wertvoll, weil sie eine Zeit und ein Milieu zeigen, das in dieser Form längst verschwunden ist.

Wer sich für mehr Hintergrund interessiert: Das Buch aus der Einleitung „Mutter, ab morgen werd ich Künstler!“ lässt sich antiquarisch günstig beziehen. Bei „Projekt Gutenberg“ könnt ihr „Das Zillebuch“ kostenfrei lesen und mehr über den Künstler, sein Werk und seine Zeit erfahren: https://projekt-gutenberg.org/authors/heinrich-zille/books/das-zillebuch/

Andrea

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