Manchmal lernt man schon in Kindertagen Künstler und/oder ihr Werk kennen und vergisst diese im Laufe der Jahre – nur um dann eines Tages wieder auf sie zu stoßen und sie neu zu entdecken. So erging es mir – und zwar mit der Künstlerin Tove Jansson und meinem liebsten Werk von ihr, das ich euch heute vorstellen möchte.
Sicherlich seid ihr schon einmal auf ihr Werk gestoßen – vielleicht sogar, ohne zu wissen, dass die Figuren, die ich meine, zu ihr gehören. Die Rede ist von den Mumins – nilpferdartige, niedliche Trolle mit Persönlichkeit. Ich lernte die liebenswerten Mumins kennen, als ich in Kinderjahren die japanisch produzierte Trickserie entdeckte und sehr zu lieben begann. Und diese beiden, Tove Jansson und die Mumins, die sind untrennbar miteinander verbunden.

(fotografiert in München-Literaturhaus, Ausstellung „Tove Jansson & die Welt der Mumins“)
Tove Jansson wurde 1914 in Helsinki (Finnland) in eine Künstlerfamilie hineingeboren – Vater Bildhauer, Mutter Grafikerin. Kunst war für sie also nichts Abgehobenes, sondern Alltag und so war es quasi selbstverständlich, dass auch sie in der Kunst heimisch wurde. Ihr Schwerpunkt wurde die Malerei, sie war jedoch auch als Grafikerin und Illustratorin (beispielsweise illustrierte sie auch eine finnische Ausgabe von „Der Hobbit“) tätig und fertigte unter anderem auch politische Karikaturen für Zeitschriften an. Von Kinderbüchern war sie also erst einmal weit entfernt.
Die Mumins entstanden im Laufe ihres künstlerischen Schaffens schließlich nicht als strategisches Kinderbuchprojekt, sondern eher nebenbei. Ursprünglich tauchte Mumin schon als kleine Randfigur und Kritzelei auf früheren Werken auf – wobei Mumintroll da noch nicht sein putziges, rundliches Aussehen hatte, sondern eher wie ein wilder Troll dargestellt wurde. Ihr niedliches Aussehen kam erst mit der Zeit, als die Geschichten und Charaktere sich entwickelten. 1945 erschien das erste Buch „Mumins lange Reise“, Originaltitel „Der kleine Troll und die große Überschwemmung“.
Das Buch war zuerst als eine Art Märchen gedacht, das durch seine Motive von Kindheit und Geborgenheit und sein glückliches Ende als Ausgleich zum Kriegsgeschehen 1945 (der sogenannte „Winterkrieg“ in Finnland) dienen sollte. Es flossen jedoch auch Kriegserlebnisse mit ein, die die bedrohliche Stimmung des Buches prägen. Die Flüchtlinge, die durch die Katastrophe ihre Wohnstätten verloren haben, und die auseinandergerissene Muminfamilie (im Buch suchen Muminmama und der kleine Mumin den Muminvater) spiegeln die Situation vieler Menschen im Jahr 1945 wider. Unter diesem Aspekt ist das Buch nochmal ganz anders zu lesen.
Weitere Bücher und eine große Menge Comicstrips und Illustrationen folgten, und der große Durchbruch kam schließlich in den 1950er Jahren. Vor allem die Comicstrips besitzen auch eine ganz herrliche Art von Humor, den auch Erwachsene schätzen. Die Mumins wurden mit der Zeit übrigens so erfolgreich, das Toves Bruder Lars schließlich das Zeichnen übernahm, als der Künstlerin Bekanntheit und Arbeitslast zuviel wurden.
Und was macht die Mumins jetzt so beliebt, dass sogar Erwachsene sich ihrem Zauber nicht entziehen können? Als Kind fand ich die Mumins einfach süß – drollig, lustig, niedlich.
Als Erwachsene sehe ich die Charaktere dahinter anders (auch wenn ich sie heute natürlich auch noch einfach niedlich finde 😉): Beispielsweise Muminmama verkörpert eine fast archetypische Form von Fürsorge – nicht kontrollierend, sondern bedingungslos, getreu dem Motto der Mumins „Die Tür steht immer offen“ – ganz egal, für wen. Muminpapa hingegen ist voller Sehnsucht nach Bedeutung, Abenteuer und Selbstverwirklichung, manchmal ein wenig verloren in seinen eigenen Erinnerungen, aber auch er kommt immer wieder zur Familie zurück. Figuren wie Snufkin oder die Kleine My wiederum zeigen zwei gegensätzliche Arten von Freiheit: die stille, freundliche Zurückhaltung auf der einen Seite und die kompromisslose, laute Ehrlichkeit auf der anderen, die auch manchmal weh tun kann. In den Comicstrips passieren zudem allerhand witzige und manchmal auch abstruse oder auch satirische Dinge, über die man auch als Erwachsener schmunzeln kann und die manchmal auch ein bisschen zum Nachdenken anregen, eben weil sie so unerwartet sind – Tove Janssons Fantasie erscheint mir auch heute noch riesig.
Und die Aussagen hinter den Geschichten und Illustrationen, die erst so kindlich wirken, aber tiefer gehen, versteht man wohl auch erst als Erwachsener: Alle Charaktere haben ihre Eigenheiten, ihre Launen, ihre Meinung und ihre Wünsche und Träume und sie alle eint: Sie dürfen alle sein, wie sie sind, ganz egal, wie – sie finden zusammen, obwohl sie so verschieden sind. „Die Tür steht immer offen“ – im Muminhaus ist jeder willkommen. Und das ist in unserer kalten Welt ein sehr tröstlicher Gedanke, auch wenn er nur in Büchern stattfindet. Mumin-Bücher oder Comicstrips lesen, das ist ein bisschen heile Welt, zum Schmunzeln, zum Nachdenken, ein bisschen Verbindung zum inneren Kind und wohl auch ein bisschen Nostalgie.
Und auch die Welt der Mumins ist sanft, aber nicht harmlos. Stürme, Einsamkeit, Verlust und Angst sind reale Bestandteile dieser Geschichten und manchmal fallen diese auch erstaunlich düster aus. Zwar als Kinderbuch konzipiert entdeckt man trotzdem hinter den Geschichten auch Schatten. Im Buch „Winter im Mumintal“, als der kleine Mumintroll aus dem Winterschlaf erwacht und durch eine dunkle Winternacht voller Schnee stapft, findet sich folgende Textstelle:
„Die ganze Welt hält Winterschlaf“, dachte Mumin. „Bloß ich bin wach und kann nicht schlafen. Bloß ich werde wandern und wandern, tagelang, wochenlang, bis auch ich zu einer Schneewehe werde, von der niemand etwas weiß.“
Diese Textstelle beispielsweise ist für mich unvergesslich – auch ich bin Jahre und Jahre durchs Leben gewandert, in dem alle anderen so normal und normativ gelebt haben und ich eben „die Andere“ war, die nicht im Trott mitlief. Würde auch ich mit meinem besonderen „Ich“verschwinden, wenn ich plötzlich angepasst bin an meine Umgebung und würde man mich dann noch bemerken? So meine Interpretation für mich.
Wer die Bücher aufmerksam liest, wird bemerken, dass ab dem sechsten Band (ebenjenes „Winter im Mumintal“) die Handlung auch mehr und mehr ins Innere der Figuren verlegt wird und „erwachsener“ wird. Themen sind nun innere Zwänge, Einsamkeit und das Altern – und einsam ist der kleine Mumin im Winter sehr. „Winter im Mumintal“ ist übrigens mein liebstes Buch, aber wohl auch das düsterste.
Sowieso warten die Mumin-Bücher mit allerhand kleinen Weisheiten auf, über die man mal nachdenken sollte – hier noch ein schönes Zitat:

(fotografiert in München-Literaturhaus, Ausstellung „Tove Jansson & die Welt der Mumins“)
Später wandte sich Jansson zunehmend von den Mumins ab, zumindest im öffentlichen Bild. Sie schrieb Romane und Erzählungen für Erwachsene, oft ruhig, präzise, mit einem feinen Blick für das Ungesagte. Einsamkeit, Selbstbestimmung und das Älterwerden wurden zu zentralen Themen. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Tuulikki Pietilä (nach der übrigens der Charakter Tooticki entstand) verbrachte Jansson immer mehr Zeit auf der kleinen Insel Klovharu. In ihren letzten Lebensjahren fand sie sogar noch einmal ihre Freude an der Welt der Mumins wieder.
Am 27. Juni 2001 verstarb Jansson nach längerer Krankheit in Helsinki.

(fotografiert in München-Literaturhaus, Ausstellung „Tove Jansson & die Welt der Mumins“)
Wer mehr wissen will: Im Literaturhaus München findet bis zum 12.04.2026 eine Ausstellung über Tove Jansson statt: https://www.literaturhaus-muenchen.de/ausstellung/die-welt-der-mumins/
